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"Mehr denn je sind jetzt
die Verbraucher gefragt!"
Interview Dr. Frank Augsten für die Südthüringer
Zeitung 19.01.2004
Verbraucherschutzministerin Renate Künast
hat vor einer Woche das neue deutsche Gentechnikgesetz vorgestellt.
Lob und Kritik stehen sich gegenüber, viele Verbraucher sind
verunsichert. Wir sprachen darüber mit Dr. Frank Augsten, Geschäftsführer
des Thüringer Ökoherz e.V. und Gentechnikexperte des BUND
Thüringen.
Frau Künast hat bisher für viele ihrer
Initiativen Lob von den Umweltverbänden bekommen. Wie so gibt
es diesmal so viel Kritik?
Zunächst einmal muss man Frau Künast
zwei Dinge zu Gute halten: Zum einen hatte sie keine Wahl, durch
Vorgaben der EU musste Deutschland die bisherige Gentechnik-Gesetzgebung
novellieren. Zum anderen gab es aus ihrem Haus ursprünglich
einen uns viel genehmeren Gesetzesvorschlag, der von den SPD-geführten
Ministerien aus unserer Sicht ziemlich aufgeweicht wurde.
Was kritisieren Sie konkret?
Zunächst einmal ist es noch zu früh,
eine endgültige Einschätzung zu treffen. Denn für
Landwirte und Verbraucher wichtige Kriterien müssen noch in
entsprechenden Verordnungen zur Umsetzung des Gentechnikgesetzes
festgelegt werden. Wie diese aussehen werden, ist noch völlig
offen. Und dann muss das Gesetz noch durch den Bundesrat. Wir befürchten,
dass die gentechnikfreundliche CDU hier auch noch einmal "Hand
anlegt".
Welche für Landwirte und Verbraucher wichtigen
Kriterien meinen Sie?
Für Landwirte ist zur Zeit völlig unklar,
welche Abstände zwischen Feldern mit und ohne gentechnisch
veränderten Pflanzen eingehalten werden müssen. Viele
wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich zum Beispiel
Pollen und Samen einiger Pflanzen kilometerweit verbreiten. Und
der Verbraucher fragt zu Recht, wie so Produkte von Tieren, die
gentechnisch verändertes Futter gefressen haben, nicht gekennzeichnet
werden müssen.
Gentechnikbefürworter argumentieren, dass
Pflanzen- und Tierzüchter schon immer mit Genveränderungen
gearbeitet haben...
Das stimmt zwar, diese Veränderungen spielten
sich allerdings durch Mutationen nur in kleinen Schritten und innerhalb
einer Art ab. Die Gentechnologie dagegen stellt Kombinationen her
zwischen Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen und Menschen. Außerdem
zeigen die bisherigen Versuche, dass derartig manipulierte Pflanzen
und Tiere anstatt oder neben den gewünschten Veränderungen
auch unerwartete und ungewollte Ausprägungen zeigen. Zum einen
verhalten sich Gene unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich
(sog. pleiotrope Effekte), zum anderen entstehen an den "Schnittstellen"
neue Gene und damit neue Proteine. Und diese können durchaus
so "neu" sein, dass sie Allergien oder Schlimmeres hervorrufen.
Befürworter führen immer wieder in`s
Feld, dass in anderen Ländern die Gentechnik längst Alltag
sei...
Es gibt mit den USA, Kanada, Argentinien und China
vier wesentliche Nutzer der Gentechnik. Unterschlagen werden von
den Befürwortern drei wichtige Aspekte: Zum ersten haben sich
die versprochenen Einsparungen an Pestiziden bisher nicht eingestellt.
Zum zweiten kämpfen viele Landwirte mit den Folgen der Gentechnik,
zum Beispiel mit Unkräutern, die nicht mehr weggespritzt werden
können. Und zum dritten handelt es sich bei den Genprodukten
meist nicht um Nahrungsmittel oder um Futter, es landet sehr wenig
davon auf dem Teller. Hier von langjährigen positiven Erfahrungen
für die menschliche Ernährung zu sprechen, ist grob fahrlässig.
Frau Künast rechnet ab Herbst diesen Jahres
mit den ersten Genprodukten in den Regalen, sind wir bisher gentechnikfrei?
Nicht ganz. Vor allem Produkte, die Soja enthalten,
können gentechnisch veränderte Bestandteile enthalten,
wenn dieses Soja aus den USA importiert wurde. Leider sind diese
Produkte nicht nach der gültigen Kennzeichnungsverordnung gekennzeichnet,
wie mehrere Testeinkäufe von verschiedenen Organisationen gezeigt
haben. Außerdem liegen seit 1997 noch Zulassungen für
den Import von Genmais und Genraps in die EU vor, die damals zugelassenen
Sorten werden heute aber nicht mehr angebaut. Alle anderen Lebensmittel
sind bisher garantiert gentechnikfrei.
Stichwort Kennzeichnung - wie wird diese aussehen?
Für die Lebensmittelkennzeichnung gelten
die in der EU-Verordnung zu neuartigen Lebens- und Futtermitteln
festgelegten Grenzwerte. Enthält ein Lebensmittel mehr als
0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile, muss es besonders
gekennzeichnet werden. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten
wie: "aus genetisch veränderter...", "enthält
genetisch veränderten..." oder "enthält aus
genetisch veränderten ... hergestellte ...". Die Aufstellung
macht klar, dass auch diejenigen Lebensmittel gekennzeichnet werden
müssen, die selbst keine veränderten Bestandteile enthalten,
aber aus solchen hergestellt wurden.
Ab wann wird es diese Kennzeichnung geben?
Ab April 2004 müssen entsprechende Lebensmittel
gekennzeichnet sein.
Was raten Sie den Thüringer Landwirten?
Der Einsatz der Gentechnik außerhalb abgeschlossener
Labors birgt Risiken für die Umwelt und die menschliche Gesundheit.
Schließlich setzen wir lebendige und sich reproduzierende
Organismen frei, von denen niemand weiß, wie sie sich im Ökosystem
verhalten. Im Versuchlabor kann ich einen außer Kontrolle
geratenen Versuch stoppen, in der freien Natur ist dies nicht möglich.
Und zahlreiche Versuche haben gezeigt, dass gentechnisch veränderte
Pflanzen ganz andere als die erwünschten Eigenschaften entwickelten.
Die Landwirte sind gut beraten, die Finger von einer solchen Risikotechnologie
zu lassen.
Was ist mit den Verbrauchern?
Sie sind eigentlich unsere größte
Hoffnung. Letzten Endes wird an der Ladentheke entschieden, was
auf dem Acker wächst und was importiert wird. Bisher hat sich
die übergroße Mehrheit der Bevölkerung - nicht nur
in Deutschland - gegen Genfood ausgesprochen. Die Politik hat nun
Entscheidungen gefällt, die sicher nicht ganz im Sinne des
Verbraucherschutzes sind. Nun haben es die Verbraucher selbst in
der Hand, sich an der Ladentheke gegen gentechnisch veränderte
Lebensmittel zu entscheiden und damit den Konzernen zu signalisieren,
dass sie Wert legen auf eine möglichst naturbelassene und risikoarme
Ernährung.
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